My second life

(Featured image: Luzi taking a cure at Malia beach, Kreta)

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Beim Lesen der «USA TODAY» diese Woche wurde ich abrupt zurück in die Vergangenheit versetzt. Ein Artikel, der das Phänomen der immer zahlreicher werdenden Amerikaner, die sich oder ihre Kinder nicht impfen lassen, hat meine Aufmerksamkeit geweckt. Die wohl dadurch wieder vermehrt auftauchenden Infektionskrankheiten lesen sich wie ein Rückblick auf das frühe 20ste Jahrhundert: Keuchhusten, Masern, Epidemien, Pandemien. Die Kontroverse zum Thema Impfungen ist massiv. Die Gründe sowohl dafür und dagegen zahlreich. Doch die Geschichten, die der Artikel preisgab, brachten mich doch zum Nachdenken. So begann der Beitrag äusserst dramatisch mit dem Satz: „Kathryn Riffenburg hat sich für einen geschlossenen Sarg für die Beisetzung ihres Babys entschieden.“ Natürlich fragt man sich wieso und die Antwort lässt nicht lange auf sich warten: „Sie wollte nicht, dass ihre Familie mit ansehen musste, was Keuchhusten […] dem 9-Wochen alten Brady Alcaide angetan hat.“ Die in den westlichen Ländern beinahe vergessene Krankheit hat sich in den Jahren 2010 und 2012 in Teilen der USA epidemisch ausgebreitet. Und sie hinterliess Brady‘s winzigen Babykörper geschwollen und unkenntlich. Doch dies war für mich nicht die schockierendste Meldung in genanntem Artikel. Etwas weiter unten lese ich die bestürzende Geschichte des inzwischen 10-jährigen Jeremiah Mitchell, der mit 6 Jahren an einer bakteriellen Hirnhautentzündung erkrankte. Die Ärzte mussten ihm, um die sich rasant ausbreitende Krankheit auszurotten, Teile von Armen, Beinen, Ohren, Kiefer und seiner Augenlider amputieren. Anscheinend – und das ist auch neu für mich – kann eine Hirnhautentzündung, nebst permanenten Gehirnschäden, Verlust von Seh- und Hörvermögen, Nierenversagen und plötzlichem Tod (innerhalb 8-24 Stunden von vollkommen gesund zu tot) eben auch Schäden an Gliedmassen verursachen, die nur mittels Amputation gestoppt werden können.

Meningitis symptoms March 1994.
Meningitis symptoms March 1994.

Es scheint kein Zufall, dass mich dieser Zeitungsbericht etwas zum Nachdenken anregte. Denn während sich die meisten Leute an Ostern über den längsten religiösen Urlaub des Jahres freuen (es sei denn, Weihnachten fällt optimal mit einem Wochenende zusammen), habe ich ganz andere Gründe, um die Osterzeit ein wenig zu feiern. Vor einem halben Leben, also vor 20 Jahren, lag ich über Ostern im Kantonsspital Luzern, schwach aber glücklich, war ich doch auf dem Weg zur Besserung von einer bakteriellen Hirnhautentzündung. Bis heute kann ich nicht begreifen, wie viel Glück ich hatte, dass ich diese Episode schadlos überstehen konnte. Und bis heute habe ich keine Vorstellung davon, was in den Stunden von der Diagnose bis zu dem Moment, in dem klar war, dass die Antibiotika anschlagen und ihre Arbeit tun, in meinen Eltern vorgehen musste. Es müssen horrende Stunden gewesen sein, die ich als nicht-Mutter wohl nie wirklich werde nachvollziehen können.

An den eigentlichen Krankheitsverlauf habe ich nur noch vage Erinnerungen. Ich weiss, dass ich von einer Minute auf die andere todkrank war. Von entspannt vor dem Fernseher sitzend zu krampfartigem Schüttelfrost mit rasenden Kopfschmerzen. Dass ich bei der Überweisung ins Krankenhaus auch die typischen Hautblutungen aufwies, daran kann ich mich nicht erinnern. Alles was ich weiss ist, dass mein Hausarzt eine Ambulanz anforderte mit den Worten „Verdacht auf Hirnhautentzündung“ und mein lahmes Hirn dazu registrierte „Hirnhautentzündung… das kann doch tödlich sein…“. Als der Doktor sich über mich beugte und mir erklärte, dass ein Krankenwagen unterwegs sei um mich ins Spital zu überführen, war meine einzige Reaktion, ihn am Kragen zu packen und zu fragen, ob ich da endlich etwas gegen diese horrenden Kopfschmerzen kriegen würde. Mir schien es ein Rätsel, dass mein Schädel noch nicht zerborsten war.
Als nächstes wachte ich im Krankenhaus auf einem Schragen auf, etliche Ärzte über mich gebeugt und in heller Aufregung, dass ich ansprechbar war. Sie baten mich darum, mich auf die Seite zu legen und – zwecks Entnahme von Rückenmarksflüssigkeit – ein „Päckli“ zu machen; also die Beine an meinen Oberkörper zu ziehen, den Kopf möglichst nahe zu den Beinen zu platzieren, damit sich der Rücken schön krümmt. Ich war vollends überzeugt, ein perfektes Paket zu formen, doch der Meningismus muss mich daran gehindert haben und liess mich steif wie ein Brett gerade mal knapp meine Knie anfassen. Zweimal musste ich diese Prozedur überstehen, wahrlich kein freudiges Ereignis. Doch die Ärzte waren echte Wunderheiler, denn nicht nur die Rückenmarkpunktion verlief einwandfrei, dank der Verabreichung von Steroiden zusammen mit den Antibiotika haben sie wohl mein Hirn in seiner ganzen Pracht 😉 erhalten können. Wohlgemerkt, die Wirksamkeit von Steroiden in diesem Zusammenhang war im Jahr 1994, wie ich erfahren musste, noch nicht wissenschaftlich untermauert. Heute ist aber bekannt, dass nicht die Bakterien selbst, sondern das Immunsystem, welches die Bakterien abbaut, Hirnschädigungen verursacht. Die Therapie mit Steroiden soll somit erreichen, dass die Antwort des Immunsystems auf den bakteriellen Befall gedämpft und entsprechend der Abbau des Fremdkörpers keine eigenen Verluste (sprich Schädigung der Hirnmasse) verursacht.

Während ich so im Krankenhaus lag, wurde meine Kontakte der vergangen Tage, also meine Eltern, mein damaliger Freund und eine Arbeitskollegin, vorsorglich ebenfalls mit starken Antibiotika behandelt. Sowohl meine Arbeitskollegin wie meine Mutter haben mir später berichtet, dass die Medikation dermassen „starker Tobak“ war, dass die eine an ihrem Arbeitsplatz, die andere beim morgendlichen Zeitung lesen mal kurz einnickte  Heute kann ich darüber lachen, weil ich kerngesund aus dieser Sache rausgekommen bin. Trotzdem hat die Erfahrung Spuren hinterlassen. In meinem Wesen. Zwar ist das schwer zu beurteilen, denn ab 20 verändert sich ein Mensch in seiner Art ohnehin sehr stark. Doch ich glaube durch das Geschenk eines zweiten Lebens etwas ruhiger, gelassener, sogar fröhlicher geworden zu sein. Es hat mir bewusst gemacht, welch zarter Faden das Leben sein kann und dass es wahrlich kein grösseres Gut als die Gesundheit gibt.

Ach ja, würde ich mich heute gegen eine Meningitis impfen lassen? Ja, habe ich getan, bevor ich in die USA kam. Das Problem hierbei ist allerdings, dass es so viele verschiedene Arten von Hirnhautentzündungen gibt. Vor 20 Jahren beispielsweise stand meines Wissens noch keine zugelassene Impfung für einen Befall von Meningokokken der Gruppe B – wie sie eben bei mir festgestellt wurden – zur Verfügung.

While reading the «USA TODAY» this week I was abruptly thrown back into the past. An article, covering the phenomenon of an ever growing number of Americans who refuse to be themselves or have their children vaccinated, caught my attention. The lately re-emerging infectious diseases read like a throwback to the early 20st century: whooping cough, measles, epidemics, pandemics. The controversy over the topic of vaccination is massive. The reasons both for and against it numerous. But the stories covered in the article sure got me thinking. Thus, the piece of writing started most dramatically with the sentence: “Kathryn Riffenburg decided on a closed casket for her baby’s funeral.” One wonders why, of course, and you don’t have to wait for long to read the answer: “She didn’t want her family to see what whooping cough […] had done to 9-week-old Brady Alcaide.” Whooping cough, the in western countries almost forgotten disease, reached epidemic proportions in some states of the US during the years of 2010 and 2012. And it left Brady’s tiny body swollen and unrecognizable. But to me, this wasn’t the most shocking message in the article. A little further down I read the upsetting story of now 10-year-old Jeremiah Mitchell, who, at the age of 6, was infected by an outbreak of meningitis back in kindergarten. Due to the rapidly spreading meningitis, doctors had to amputate part of his arms, legs, ears, his jaw and eyelids. Apparently – and that’s news to me too – a meningitis can, in addition to permanent brain damage, loss of vision and hearing, kidney failure and sudden death (from alive to dead in 8-24 hours) cause gangrene.

It doesn’t seem like a coincidence that this article got me thinking a little. For while most people are excited about the prospect of a long holiday over Easter, I have completely different reasons to celebrate around Easter time. Half a life ago, in my case 20 years ago, I lay in a bed at the Cantonal Hospital in Lucerne, weak but happy, recovering from a bacterial meningitis. To this day I can’t even start to comprehend how lucky I am to have gotten through this episode undamaged. And to this day I don’t have the faintest idea what went on inside my parents during those dreadful hours from the diagnosis to the moment when the antibiotics actually took effect. As a non-mum I might never be able to really comprehend what my parents went through during those horrendous hours.

When it comes to the actual course of the disease my memories are vague. I remember falling deadly ill from one minute to the other. From relaxedly watching TV to spasmic chills with a splitting headache within minutes. That my skin was showing the typical hemorrhage when I was transferred to the hospital, I do not remember. All I do recall is that my family doctor requested an ambulance saying there was “a case of on-spec meningitis”. My lame brain reacted with a registration of “meningitis… isn’t that potentially fatal?” When the physician leaned over me to explain, that an ambulance was on the way to fetch me, all I could do was grab him by his collar, asking if at the clinic I would finally get something against this horrendous headache. It seemed a mystery to me that my skull wasn’t shattered yet.
Next thing I know is waking up on a gurney in the hospital, several doctors hovering around me and breaking into a flurry of excitement realizing that I was coming round and responsive. They asked me – in order to extract spinal fluid – to lie on my side and pull my legs up to my chest, placing the head on my knees in order to make my back curve nicely. While I was totally convinced that I did a perfect job, in reality the meningismus left by back stiff as a board and prevented me from doing anything more than barely touching my knees with my hands. I had to undergo this procedure twice during my stay at the hospital, truly no happy event. But the doctors proofed to be real miracle healers; not only did they perform smooth spinal punctures but most probably thanks to the use of steroids along with the antibiotics they were able to preserve my brain in all its glory 😉 Mind you, as I learned only now, the efficacy of steroids in this context has not been scientifically confirmed back in 1994. Today, however, it is known that not the bacteria themselves, but the immune system, while degrading the bacteria, causes the brain damage that so often occurs with meningitis. The steroid therapy helps to absorb some of the immune systems harsh reaction to the bacterial infestation, meaning it prevents the brain mass from degenerating during the degradation of bacteria.

While I was recovering, the people I was in close contact with over the last few days, i.e. my parents, my boyfriend at the time as well as a work colleague, also got treated with powerful antibiotics as a precaution. Both my co-worker and my mom later told me that the medication was such “strong stuff” that one briefly nodded off over her desk, the other while reading the morning newspaper J Today I can laugh about this because I made it out of the hole misery fit as a fiddle. Nevertheless, the experience has left its marks. In my personality. Though this is difficult to tell, considering how a person changes from the age of 20 anyway. But I believe through the gift of a second life I became somewhat calmer, more relaxed and even a bit more cheerful. It made me realize what a delicate thread life can be and that there truly is no greater good than health.

Oh and, yes, would I agree to a meningitis vaccination today? Absolutely, I got immunized before I immigrated to the US (not a necessity, though). The only problem with that, however, is that there are so many different types of meningitis infections. 20 years ago for example, an authorized vaccination against the meningococcal group B meningitis that I had didn’t even exist, as far as I know.

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