Switzerlanded vs. Americanized

For English click here

20minAm Montag habe ich mich beim Lesen der Schweizerischen «20 Minuten» prächtig amüsiert. Der Artikel behandelte die Probleme der doch ab und zu etwas vor den Kopf gestossenen, in der Schweiz lebenden Expatriates, kurz Expats genannt. Die treffen sich auf Foren und Blogseiten, um sich über die vielen Ungewohntheiten (ich bin mir durchaus bewusst, dass es dieses Wort nicht gibt, nehme mir jedoch ab und zu die Freiheit eigene Wortkreationen einzuführen) und die doch mehrheitlich gesalzenen Preise in ihrer neuen Heimat zu unterhalten und wohl auch um bestätigt zu bekommen, dass man nicht als einziger die mitunter etwas eigenwilligen Schweizer nicht versteht.

Ich glaube, man muss nicht wahnsinnig weit gereist sein, um zumindest einige der den Schweizern vorgeworfenen „Traditionen“ als leicht intolerant zu verstehen. Im Artikel wird das Beispiel Nacht- oder Sonntagsruhe mit dem angeblich ein Mal bellenden Hund beschrieben, was wiederum die Nachbarn zum umgehenden schriftlichen Beklagen beim Vermieter veranlasst, welcher auch prompt der Hundebesitzerin, eben einer Expat, mit Kündigung droht. «You’ve been Switzerlanded» oder «Du wurdest geschweizt» wird das dann genannt. Genauso wie wenn du für einen Kaffee Creme mehr als CHF 5 bezahlst oder sonst wie „abgezockt“ wirst (dass Starbucks aber einen halben Monatslohn für irgend so einen schicken Tee verlangt, das scheint keinen zu stören…). Ich bezweifle an der Hundegeschichte allerdings stark, dass der Hund das erste Mal gebellt hat, aber es ist weder meine Aufgabe noch mein Begehren hier zu richten. Fakt ist, dass ich meine eigenen Erfahrungen mit der eingefleischten Ruhestörungsempfindung gemacht habe. Wie oft habe ich Greg Ranchabends um 5 nach 9 gebeten, keine Nägel mehr einzuschlagen, die Musik oder den Fernseher leiser zu stellen oder ganz generell sich „akustisch etwas zurückzuhalten“. Was mir bereits mit der Muttermilch als gutes und nachbarschaftliches Benehmen eingeflösst wurde, sorgte natürlich auch zwischen uns für Diskussionen. Gerade ein Mann, der jahrelang in Texas quasi auf einer Ranch im Nirgendwo gelebt hat, dort die Stereoanlage zu jeder Tages- und Nachtzeit, an jedem Wochentag auf Hochtouren dröhnen lassen konnte während Säge, Hammer und Traktor ihr Übriges zum Tohuwabohu taten, kann sich da nur schwer dran gewöhnen. Gerade wo doch in der Schweiz sämtliche Häuser aus massivem Beton gebaut und nicht mit papierdünnen Wänden versehen sind.

Die Wahrheit ist, wenn du in ein anderes Land ziehst wirst du gewisse Dinge als besser und andere als schlechter als in deiner Heimat empfinden. Das ist so und es liegt nicht bei dir, das zu ändern. Es sei denn du siehst den Grund für deine Auswanderung in der Verbesserung eben dieser vermeintlich schlechteren Umstände. Ich bevorzuge nach Möglichkeit, alles gut schweizerisch neutral aufzunehmen, ohne zu werten. Das aber ist nicht immer ganz einfach, gerade bei Themen, die dir so einverleibt sind, dass sie einen Teil deiner Persönlichkeit ausmachen. Wie beispielsweise Diskretion und vornehme Zurückhaltung. Was einem Schweizer Naturell ist, wird hier als unnahbar und entrückt angesehen. Einen Menschen nicht anzusprechen, strahlt Arroganz oder Desinteresse aus. Während du in der Schweiz als Durchschnittsbürger in der Masse untertauchen kannst, fällst du hier selbst mit dem schrägsten Outfit nicht auf. Oder sagen wir, du fällst vielleicht auf, aber es kratzt keinen oder löst zumindest keine andersartigen Reaktionen aus. Jeder Mensch ist interessant und wird deshalb angesprochen und nach seinem Hintergrund gefragt. Inzwischen realisiere ich allerdings, dass genauso oft einfach ein potentieller Zuhörer gesucht wird. Die Amerikaner reden definitiv gerne. Doch fällt mir immer wieder ein gewisses Defizit in Sachen aufmerksam zuhören auf. Sei es in Fernsehserien, im „realen Leben“ mit Fremden oder bei politischen Diskussionen, wenn B weder darauf eingeht was A gesagt hat, noch sichtliches Interesse daran zeigt. Aber seien wir ehrlich, das ist – zumindest was die Politiker betrifft – auch in der Schweiz nicht wirklich anders.

Seattle
Seattle

Je mehr ich hier die gegenseitige Akzeptanz auch andersartiger Menschen untereinander beobachte, desto klarer wird mir, warum sich meine Schweizer Freundin, die in Amerika aufgewachsen ist, in der Schweiz dermassen unwohl fühlt. Selbst nach über einem Jahrzehnt, das sie inzwischen wieder in der Schweiz lebt, sind ihr die „bünzligen“ Schweizer zuwider, ihr stereotypes Auftreten, die Reserviertheit und ihr beurteilendes Wesen. Zwar mögen die Amerikaner als oberflächlich gelten, doch ihre Kontaktfreudigkeit ist authentisch, geprägt vom kulturell einverleibten Wissen um andere Kulturen und Nationalitäten. Ihre Offenheit basiert auf einem tiefen Interesse am Hintergrund des Gegenübers, wohl wissend, dass jeder seine eigene Geschichte und Abstammung hat. Selten ist einer „Amerikaner“ in dem Sinne, dass die Familie seit Urzeiten auf diesem Kontinent gelebt hat. Praktisch jeder ist ein Einwanderer und hat eine eigene Lebensgeschichte zu erzählen. Darum brauchen sie auch nicht weit zu reisen, um die Welt gesehen zu haben. Du gehst ins nächste China- oder Japantown um etwas über die Asiaten zu erfahren. Du fährst nach Texas und triffst mehr Mexikaner als in Mexiko. Du besuchst New England um einen Blick ins alte England zu erhalten. Oder fährst nach Seattle, um die inspirierende Andersartigkeit der Kanadier zu erahnen.

Wenn ich also mit meiner extrovertierten Art hier nicht auffalle, auch nach 21 Uhr noch einen Heidenlärm veranstalte, jeden Schritt mit dem Auto zurück lege und niemals Bargeld auf mir trage, so nenne ich das nicht oberflächlich, ruhestörend, verschwenderisch oder neumodisch, sondern ich sage «I’ve been Americanized.»

Reading the Swiss «20 minutes» newspaper on Monday amused me quite splendidly. The article I’m talking about dealt with the problems of the every so often poleaxed expatriates, or expats, living in Switzerland. Named expats meet on forums and blogs to discuss the unusualties (I am well aware that this word does not exist but take the freedom to create my own words once in a while) and often hefty prices in their new destination and probably also to get confirmation that they’re not the only ones who don’t quite understand the sometimes idiosyncratic Swiss.

I reckon you don’t have to be very well traveled to perceive at least some of the Swiss’ alleged “traditions” as slightly intolerant. The aforementioned article describes for example the disturbance of night’s and Sunday’s peace by a dog that allegedly barked once in the apartment which caused the neighbors to immediately file a written complaint with the landlord, who in turn promptly threatened the dog owner, an expat, with termination of her leasing agreement. That’s what they call “You’ve been Switzerlanded”. The same term applies if you pay more than CHF 5 for a cup of coffee or if you’ve been ripped off in any other way (that Starbucks, on the other hand, charges half a month’s salary for a chic tea doesn’t seem to bother anyone…). When it comes to the dog story, I very much doubt that the dog has been barking for the first time but it is neither my place nor my desire to judge here. Fact is that I’ve had my own experiences with the inveterate perception of the breach of one’s peace. How many times have I asked Greg at 5 past 9 in the evening to stop tapping nails in, turn down the music or TV or to generally “keep it down”. What has been instilled in me with mother’s milk as good and neighborly behavior caused discussions even between us. Keeping quiet after 9pm or on Sunday’s seems particularly hard to abide to for a man who for years has virtually lived on a ranch out in the middle of nowhere in Texas where he was able to let his stereo roar at any time of the day, on any day of the week while saw, hammer and tractor did the rest to complete the noisy chaos. Especially since in Switzerland houses are built of solid concrete rather than being equipped with paper-thin walls.

The truth is, of course, if you move to another country you will perceive certain things as better and others as worse than where you came from. That’s the way it is and it’s not up to you to change that. Unless you see the reason for your emigration to improve precisely these supposedly worse circumstances. I prefer to approach everything in a neutral Swiss way; no judging if possible. But this is not always easy, especially if it comes to issues that are so much a part of you that they’re part of your nature. Discretion and noble reticence, for example. What is basically a Swiss’ temperament is viewed here as being aloof and a little lost in reverie. Not to approach and address someone exudes a feel of arrogance or disinterest. While in Switzerland you can go into hiding in the crowd as an average citizen, over here you don’t attract attention even in the weirdest of outfits. Or let’s say you may attract some attention but no one really cares. Every person is seen as interesting and will therefore be addressed and asked about his or her background. Though I do realize in the meantime that just as often people are simply looking for a listener. Americans sure like to talk. But I do notice a certain lack of being able to listen attentively in some of them. Be it on TV, in “real life” conversations with strangers or in political discussions where B neither responds to nor shows real interest in what A said. But let’s be honest, that is – at least as far as the politicians go – not really different in Switzerland.

The more I observe the mutual acceptance of seemingly different people here, the more I realize why my Swiss friend who grew up in America feels so uncomfortable in Switzerland. Even after over a decade that she has now been back in Switzerland the “philistine” Swiss are repugnant to her, their stereotypical appearance, the aloofness and their often judging nature. Although Americans may be considered shallow, their sociability is authentic, marked by the culturally incorporated knowledge of other cultures and nationalities. Their openness is based on a deep interest in other peoples backgrounds, knowing that each individual has its own history and lineage. Rarely is an American “American” in the sense that his or her family has lived on this continent since time immemorial. Virtually everyone is an immigrant and has their own life story to tell. That’s also why they don’t necessarily need to travel very far in order to see the world. You go to the next China or Japan Town to learn about the Asians. You drive to Texas to meet more Mexicans than in Mexico. You visit New England to get a glimpse at the old England. Or you fly to Seattle to get a presentiment of the Canadians otherness.

So if I don’t stick out with my extroverted nature, I produce an awful racket after 9pm, I cover every inch by car and never carry cash on me, I don’t call that shallow, peace disturbing, extravagant or newfangled but «I’ve been Americanized» instead.

Advertisements

5 thoughts on “Switzerlanded vs. Americanized”

  1. This is so true! I can relate. I too value the peace and quiet, and was brought up to respect others space and not to be a nightmare for the neighbours. Yet, people from other cultures don’t always value such things. In Madrid, I have been subjected to the normal noise of the Spanish, made worse in the confines of an apartment! Yet, I have also had the same trouble back in the UK. I do feel people have forgotten the respect, they would like to be afforded, but cannot afford to another. Thanks for posting! Bex

    Like

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s